The Revenant

The Revenant – Der Rückkehrer (2015)

Auch wenn es so scheinen mag, als wäre Alejandro González Iñárritu ein neues Phänomen, der Mann der 2015 mit Birdman alle wichtigen Filmpreise abgeräumt hat und Michael Keaton zu seinem großen Comeback in Hollywood verholfen hat, stimmt das so gar nicht. Alle seine fünf Spielfilme seit 2000 wurden von Kritikern gelobt und von Jurys ausgezeichnet. Auch sein Kameramann Emmanuel Lubezki hat bereits zwei goldene Trophäen der Academy in seinem Besitz. Zusammen mit zwei der besten Schauspieler ihrer Generation und 135 Millionen Dollar im Gepäck sind sie in die kanadische Tundra aufgebrochen, um einen Film zu drehen. Keine Landschaften aus dem Computer, nur natürliche Lichtquellen und ein chronologischer Dreh der Szenen. Künstlerische Freiheiten, wie man sie heute in Hollywood bei diesem finanziellen Investment gar nicht mehr vermuten würde. Allein die Dreharbeiten zu The Revenant erscheinen wie eine eigene kleine Leidensgeschichte.

Der Roman von Michael Punke trägt den Namen The Revenant: A Novel of Revenge, auf Deutsch Der Totgeglaubte, eine wahre Geschichte über den Trapper Hugh Glass. Der Winter, ein Bär, ein Stamm amerikanischer Ureinwohner, misstrauische Kameraden, Glass hat in der Geschichte viele Feinde und es dürfte klar sein, dass er der Rückkehrer ist, der Totgeglaubte, der Wiedergänger. Bis auf seinen Familienstand und seine guten Kenntnisse der Landschaft erfährt man recht wenig über den Pelzjäger und Vater.

The Revenant ist ein wunderschöner Film. Als wäre die Natur nur dafür da, von Lubezki auf Film gebannt zu werden. Die totalen Kameraeinstellungen der Landschaft stehen im Gegensatz zu den Schauspielern, die mit einer permanenten Untersicht meist in Naheinstellungen eingefangen werden. Die eigene Kameraarbeit wird hier extrem zelebriert. Ein Film der Extreme ist es auch bei den beiden Hauptdarstellern. Während es für Tom Hardy vielleicht ein alltäglicher Job war und man sich fragen kann, ob er sich für den Film wirklich halb skalpieren lassen hat, hat man Leonardo DiCaprio so noch nie gesehen. Glass ist im Film eine sehr körperliche Figur, die gleichzeitig einen Teil des Films fast körperlos agiert. Ein leises Wimmern, während DiCaprio nur mit seinen Augen spielt. Auf der anderen Seite ein blutiges Keuchen, Stöhnen und Spucken, ein robben durch den Dreck. Man könnte DiCaprio vorwerfen, dass er es erzwingen will, dass sein Schauspiel zu bemüht ist. Die ewige Diskussion um die Missachtung seiner Leistung durch die Academy. Sind es nicht genau diese schauspielerischen Leistungen, die in Hollywood gewürdigt werden? Die körperliche Überschreitung von Grenzen. Blutspucken und keifen, während man wie ein halb erfrorener Obdachloser aussieht, der an der Schwelle zum Tod steht?

Iñárritus Western ist ein furchtbar ambitioniertes Projekt, Sean Penn sprach von einem Meisterwerk, dass das Kino weiterbringt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass auch Penn in der Hollywood-Blase lebt und nicht unbedingt objektiv zu seinem Freund Iñárritu steht. So beeindruckend der Film von der ganzen Produktion, dem Handwerk und den Schauspielern ist, muss man sich bei der Handlung fragen, ob das hier wirklich alles ist. Hardy stellt die Frage sogar im Film an DiCaprio.

Im Wilden Westen, an der Grenze zum Indianergebiet, war der Tod etwas Alltägliches und Mord nur etwas Verwerfliches, wenn es im eigenen, kleinen Zivilisationsraum passierte. Indianer, Franzosen, Amerikaner, Männer, Frauen, Kinder, kommt es da auf einen weiteren Toten an? Es ist eine Rachegeschichte, aber ohne Spannung, ohne Überraschung und mit einem sehr gemächlichen Tempo. Vereinzelnd bekommt man Rückblenden in Form von Träumen auf das Leben von Hugh Glass, aber es ist zu wenig, um der Geschichte wirklich eine emotionale oder spirituelle Tiefe zu verleihen. Aufgrund der fehlenden Empathie hat mich der Film auch nicht mit Glass leiden lassen. Es steckt keine Botschaft hinter seinem Leiden, keine Moral in seiner Rache, keine Lektion, wie der seelische den körperlichen Schmerz überwindet. Man sieht die Szenen und denkt sich, ach, das ist jetzt aber schlimm für ihn, aber die Bilder sind wirklich sehr schön. Und die Kameraarbeit, wirklich sehr schön. So schön, dass das bisschen Blut nicht stört. Unterlegt von Ryuichi Sakamotos musikalischem Score, der ein paar prägnante Stücke bietet.
Am Ende kommt The Revenant auf eine stolze Spielzeit von 156 Minuten, ich habe den Film nicht als zu lang oder zu kurz empfunden, nur als zu leer. Anstrengend in der Produktion, aber nicht in der Visionierung.

4/5

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3 Antworten zu The Revenant

  1. franziska-t schreibt:

    Ich empfand es nicht so, dass Leo zu gewollt spielt. Ich fand eher die Visionen und Albträume, in denen Glass‘ Sohn und Frau immer wieder auftauchen, als störend. Natürlich muss sich der Film den Verdacht des „Oscarbaits“ gefallen lassen, aber letztendlich zählt doch nur die Geschichte und ob der Film das Ticket für den Kinobesuch wert war. Und das war er.
    Und wenn der Film dazu beiträgt, dass Leo endlich seinen Oscar bekommt, dann soll es mir Recht sein.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2016/01/07/the-revenant-2015/

    Gefällt 1 Person

    • Quadrataugenrunde schreibt:

      Letzendlich zählt nur die Geschichte? Dann fällt The Revenant ja durch. ^^
      Mir würden auch Filme einfallen, die nicht unbedingt ihr Kinoticket „wert waren“ und die ich trotzdem aus einem oder mehreren Gründen schätze.
      Ich hoffe es ist auch ersichtlich, dass ich zu „Ja/Fresh“ und nicht zu „Nein/Rotten“ tendiere bei dem Film, wenn man denn ein binäres Wertungssystem möchte.

      Ansonsten schreibe ich ja, dass man es DiCaprio vorwerfen kann, wenn man einen Dialog über den Film führen möchte. Ich selbst mache es nicht.
      Am Ende gewinnt eh Eddie Redmayne. 😀

      Deinen Text habe ich schon gestern gelesen, zusammen mit anderen The Revenant Beiträgen.

      Gefällt 2 Personen

    • sebastianstriggow schreibt:

      Ich habe gerade die Geschichte als größten Negativpunkt bei „The revenant“ empfunden. Dafür fand ich den Film insgesamt sehr gut. Auch die Traumabschnitte waren stimmig und für mich nicht störend, sondern gaben dem Film noch ein I-tüpfelchen. Die besondere Kameraführung, die ruhigen Naturaufnahmen, die realen Schauplätze, die hervorragenden schauspielerischen Leistungen, die düstere Stimmung bis hin zur Technick die den Bären so lebendig wirken lassen hat, war der Film einen Kinobesuch wert.

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