Filmjahr 2016 – Rückblick – Svens Top 15

Ein Mitglied der Quadrataugenrunde guckt ein paar mehr Filme als das andere und ist am Ende des Jahres nicht genug ausgelastet. Bevor wir also zu unseren persönlichen Top 5 des Filmjahres kommen, nennt Sven noch zehn weitere Filme, die ihm besonders am Herzen liegen. Zwar orientieren wir uns für den Rückblick zeitlich sonst an den deutschen Kinostarts, wollen Festivalbesuche aber nicht ausschließen.

Svens Top 15

6. Vor der Morgenröte
Vier Auszüge aus Stefan Zweigs Leben geben einen Einblick, was der Verlust der Heimat mit einem Menschen macht. Josef Hader brilliert in der Rolle des Schriftstellers. Visuell stechen vor allem die zwei langen Plansequenzen heraus. Es gab einige Szenen, in denen mich der Film sehr berührt hat. Und dass, obwohl Maria Schraders Film ähnlich zurückhaltend ist wie Zweig selbst. Die aktuelle politische Lage verleiht der Geschichte eine Gegenwärtigkeit. Adieu l’Europe.

7. The Hateful Eight
Samuel L. Jackson verdient ein Extralob für seine Performance in Quentin Tarantinos Kammernspiel. The Hateful Eight ist ein hochinteressanter Film, der einen noch lange nach dem Abspann beschäftigt. Nicht nur inhaltlich, sondern auch in Form von Ennio Morricones außergewöhnlichem Score. Dass ich die Roadshowversion nicht sehen konnte, ärgert mich immer noch.

8. Mustang
Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay sind mein Lieblings-Superheldinnenteam des Kinojahres. Die überzeugende Darstellung von Freiheit und Lebensfreude in Deniz Gamze Ergüvens Werk sorgt dafür, dass einem die fünf Schwestern schnell ans Herz wachsen. Um so schockierender wirken dadurch die folgenden dramatischen Ereignisse. Zur Darstellung des klassischen Konflikts werden ganz bewusst Antagonisten geschaffen. Empathie und Kompromissbereitschaft findet man nur bei den Protagonisten. Die Auswahl der fünf sehr guten Jugenddarstellerinnen ist ein Glücksfall. Mustang ist ein wunderschöner Film mit ganz viel Herz.

9. Neruda
Pablo Larraín hatte wohl kein Interesse an einer weiteren normalen Filmbiografie. Das Leben des Dichters Pablo Neruda verwandelt sich hier in eine Kriminalgeschichte, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität ganz bewusst verschwinden. Die wunderschönen Landschaften, der orchestrale Score, Neruda selbst – alles ist überlebensgroß. Neben dem Einsatz des Lichtes und der Kamera überzeugen auch kleine Tricks wie die deutlich sichtbaren Rückprojektionen im Film.

10. Trumbo
Bryan Cranston ist Dalton Trumbo! Hollywoodfilme, die ganz selbstreferenziell über sich selbst erzählen, sind mein Schwachpunkt. Die Geschichte des Drehbuchautors hat mich wirklich gepackt. Ich fand den Film witzig, interessant und auch emotional. Die Darstellung des Kalten Krieges ist gelungener als in Bridge of Spies. Cranston spielt exzellent. Mit Helen Mirren, Elle Fanning, Louis C.K., Diane Lane und John Goodman ist der gesamte Cast hochwertig besetzt. Neben der klassischen Inszenierung leidet der Film ebenfalls unter seinem Spannungsbogen und anderen Biopic-Klischees.

11. The Big Short
Die beste Möglichkeit, um dem Zuschauer zu erläutern, was Credit Default Swaps sind, ist natürlich Margot Robbie in einem Schaumbad. The Big Short ist furchtbar überladen, funktioniert dafür aber erstaunlich gut. Christian Bale überzeugt, wie gewohnt, in einem der drei Handlungsstränge und Steve Carell beweist zum zweiten Mal nach Foxcatcher, dass er ein sehr wandelbarer und guter Charakterdarsteller ist. Der Film ist witzig, unterhaltsam und sehr informativ. Außer man weiß schon etwas über die Immobilienblase in den USA und die folgende Weltwirtschaftskrise.

12. High-Rise
„Where are those happy days? They seem so hard to find.“
Tom Hiddlestone sendet ein SOS aus einem dystopischen Hochhaus. Die Musik von Clint Mansell ist der Wahnsinn. Dazu kommt noch das äußerst gelungene ABBA-Cover von Portishead und ein großartiges Sound Design. High-Rise ist Kapitalismuskritik in Form des lokalen Weltuntergangs, visuell überladen und mit jedem Element so konsequent umgesetzt. Parallel zum Verfall der Gesellschaft, zerfällt auch die Erzählstruktur des Films, bis nur noch Wahnsinn bleibt. Die Nebenrollen sind mit Jeremy Irons, Luke Evans und Elisabeth Moss sehr gut besetzt. Lauter surreale Figuren in einer realen Welt.

13. The Revenant – Der Rückkehrer
Er kriecht, er watschelt und er schwimmt. Er stöhnt für sich und er stöhnt für dich.
Alejandro González Iñárritus Tour de Force war ein Hit an den Kassen, die vielen Auszeichnungen zwangen das Publikum ins Kino. DiCaprio begibt sich in das Spezialgebiet von Tom Hardy, ein extrem körperliches Schauspiel mit jeder Menge Murmeln. Es steckt allerdings keine Botschaft hinter seinem Leiden, keine Moral in seiner Rache, keine Lektion, wie der seelische den körperlichen Schmerz überwindet. Aber die Bilder von Emmanuel Lubezki sind wirklich sehr, sehr schön.

14. The Neon Demon
Nicolas Winding Refn hat sich längst davon verabschiedet, Geschichten zu erzählen. Der Film ist inhaltlich leer. Man könnte sagen, er sei oberflächlich, aber eigentlich steckt gar keine Botschaft in diesem Werk. Elle Fanning brilliert in jeder Szene, der Film bietet ihr eine Charakterveränderung ohne nachvollziehbare Entwicklung. Aber die Sprünge sind egal, die inhaltliche Leere ist egal. Ich habe The Neon Demon wirklich genossen. Er hat mich nicht schockiert und verliert sich im letzten Akt, aber er ist audiovisuell fantastisch. Wenn man einen Film über Schönheit macht und der eigene Film dann so schön ist, hat man eigentlich alles erreicht.

15. Hell or High Water
Normalerweise ist Chris Pine sehr langweilig. An der Seite seines Filmbruders Ben Foster überzeugt er jedoch. Die beiden ungleichen Geschwister rauben zusammen Banken in Texas aus und werden dabei von Sheriff Jeff Bridges gejagt. Alle drei sind Männer der Gewalt. Im nicht mehr ganz so wilden Westen geht es allerdings nicht um Ruhm, sondern um den Klassenkampf. Es sind die Banken, die die Armen bestehlen. Hell or High Water bietet wunderschöne Bilder unterlegt von einem sehr guten Score und ist einer der besten Western der letzten Jahre.

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2 Antworten zu Filmjahr 2016 – Rückblick – Svens Top 15

  1. FilmkritikenOD schreibt:

    Kommt Hell or High Water nicht erst in zwei Wochen ins Kino?

    Und ich hoffe doch, dass ihr die richtige Top5 in umgekehrter Reihenfolge veröffentlicht, damit ein bisschen Spannung aufkommt 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Quadrataugenrunde schreibt:

      Die umgekehrte Reihenfolge hatte ich für diesen Artikel hier überlegt, aber mein innerer Monk lässt das nicht zu. ^^

      Hell or High Water startet in Deutschland wirklich erst im Januar. In der Schweiz läuft er schon seit November und ich habe ihn auf einem Festival im September gesehen.
      Alternativtitel für Platz 15 wäre The Witch, falls man dt. Releasetermin möchte. 🙂

      Gefällt 1 Person

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