Auswärtsfahrt #23

Eine überforderte Mutter bekommt Hilfe, während ein überforderter Kolonialherrscher ins Chaos stürzt.

Tully (2018)
Tully ist bereits die dritte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Jason Reitman und der Drehbuchautorin Diablo Cody. Nicht nur kann man Gemeinsamkeiten zwischen den Filmen entdecken, es fühlt sich sogar an wie ein Prozess: von der schwangeren Teenagerin in Juno zur unglücklichen Autorin in Young Adult und schliesslich hin zur gestressten Mutter. Es sind amerikanische Vorstadtgeschichten über das Erwachsenwerden.

In der ersten Szene sehen wir den grossen runden Bauch von Marlo. Liebevoll kümmert sie sich um ihren Sohn, der an einer Entwicklungsstörung zu leiden scheint. Es dauert eine ganze Weile, bis wir das Gesicht von Charlize Theron sehen – müde, aber mit einem sanften Lächeln. Zuletzt hat man die Südafrikanerin immer wieder als Actionstar gesehen, die es durchtrainiert mit der Männerwelt aufnimmt. Hier sind es nicht nur ihre Füsse, die aufgedunsen sind. Die Folgen des Wunders der Geburt sind offensichtlich und sie tragen dazu bei, Therons Schauspiel so glaubwürdig zu machen. Der Film trennt nicht zwischen körperlicher und geistiger Belastung. Ein zynischer Kommentar im Café stresst genauso sehr wie eine schlaflose Nacht oder die Parkplatzsuche mit schreienden Kindern im Wagen. Es ist ein ehrlicher Umgang mit dem Thema Mutterschaft.
Vollständige Kritik

Zama (2017)
9000 Kilometer trennen Diego de Zama von seiner Heimat – einem Ort, an dem er für seine Stellung im königlichen Dienst respektiert wird, wo seine Frau und seine Kinder auf ihn warten. Stattdessen muss er sich immer noch mit Ureinwohnern und Kolonialisten in der südamerikanischen Provinz herumschlagen. Doktor, Gott und Tatenmensch nennen sie ihn, Worte, die hier jegliche Bedeutung verloren haben und nur noch wie Hohn wirken. Mit jedem Tag schwindet sein Einfluss, wird seine Rückkehr zum alten Kontinent unwahrscheinlicher. In seiner Freizeit beobachtet Don Diego die Frauen, sowohl die feinen Damen aus Europa als auch die Einheimischen, der Spanier als Spanner. Aber auch sie schenken ihm nichts, keine Anerkennung, keine Zuneigung und schon gar keine Liebe.

Im Historiendrama der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel geht es um die mächtigen weissen Männer, die die Welt erobert haben – und wie sie daran zerbrochen sind. Diego de Zama ist kein Held. Vom einst stolzen Pionier ist nicht mehr viel übrig geblieben, und auf eine Art wird er hier für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Die Kolonialherrschaft der Spanier steht vor einem grossen Einschnitt, nur akzeptieren will es niemand. Sklaven kaufen sich frei, Indios fordern ihren Besitz zurück und die Versorgung durch das Heimatland lässt immer weiter nach. Und trotzdem tragen die Spanier noch ihren teuren Kleider und Perücken, versuchen um jeden Preis ihre Kultur und ihre Dekadenz zu bewahren. Es sind die Gegensätze zwischen Wunsch und Realität, die auch Don Diego langsam verzweifeln lassen.
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