Filmjahr 2018 – Rückblick – Svens Top 15

Ein Mitglied der Quadrataugenrunde guckt ein paar mehr Filme als das andere und ist am Ende des Jahres nicht genug ausgelastet. Bevor wir also zu unseren persönlichen Top 5 des Filmjahres kommen, nennt Sven noch zehn weitere Filme, die ihm besonders am Herzen liegen. Zwar orientieren wir uns für den Rückblick zeitlich sonst an den deutschen Kinostarts, wollen Festivalbesuche aber nicht ausschließen.

Svens Top 15

6. Transit
Christian Petzolds Drama über Flucht hat mich schon in der ersten Hälfte so stark mitgenommen, dass ich mit Tränen in den Augen im Kino saß. Ich hatte zwischendurch schon wieder vergessen, dass der Film heute spielt und nicht im Jahr 1941. Es ist eine eigenständige Adaption, die eine zeitlose Geschichte erzählt. Franz Rogowski spielt hier die perfekte Romanfigur. Auf der Flucht wechselt er seine Identität so häufig wie seine Kleidung. Und trotz alle der Verluste, inklusive der eigenen Identität, trotz des Desinteresses für andere Schicksale, bleibt er verletzlich. Jede Szene erzählt hier etwas über Menschlichkeit. Marseille als Transitstation erinnert wirklich an das Fegefeuer, ein andauernder Zustand des Ungewissen.

7. Die Verlegerin
Schwere Maschinen rattern und Menschen in Overalls beladen Trucks, bevor diese in die Schlacht brausen. Es ist nicht die erste Kriegsszene im Film, aber sie verdeutlicht, was hier auf dem Spiel steht. Der eigentliche Skandal, um den sich der Film dreht, war gar nicht so bedeutend. Aber Spielberg geht es bei seiner Dramatisierung der Geschichte nicht nur um die Vergangenheit, ständig werden Brücken ins Hier und Jetzt gebaut. Angeführt von einem Tom Hanks in Bestform sehen wir einen hervorragenden Ensemblecast, die Kamera tanzt auf kleinstem Raum um die Protagonisten herum und Steven Spielberg gilt endgültig als ein Verteidiger der amerikanischen Verfassung.

8. Girl
Ein Tanzfilm über eine ambitionierte Ballerina, ein Familiendrama ohne Mutter, ein Coming-of-Age-Film über Identität – Lukas Dhonts Film ist vieles, vor allem aber ist er empathisch. Das Zusammenspiel von Kamera und Jugenddarsteller Victor Polster ist erstaunlich. Ständig sucht die fünfzehnjährige Lara ihre Umgebung ab, abwartend die Reaktionen ihrer Mitmenschen, schüchtern ihr eigenes Spiegelbild. Immer in der Hoffnung, ihrer eigenen Vorstellung von sich näherzukommen. Girl ist ein tief voyeuristischer Film, der mit seinem unendlichen Verständnis für Laras Situation eine wünschenswerte Normalität erzeugt.

9. The Rider
Der Western, das große amerikanische Genre ist wieder da!
Regisseurin Chloé Zhao weiß, wann man die großen Einstellungen einsetzt. Ihr Film über einen modernen Cowboy im Herzen der USA ist warmherzig, gefühlvoll und brillant gefilmt. Die Armut seiner Figuren wird nicht wertend dargestellt. Haupt- und Laiendarsteller Brady Jandreau ist ein faszinierender All American Boy und nicht nur erste Ausritt auf Apollo ist wunderschön.

10. The Disaster Artist
„Los Angeles, everybody want to be star. All the pretty boys. They’re lining up for the big shot.“
James Franco ist mindestens auf demselben Niveau wie Gary Oldman und wurde ganz einfach um seinen Oscar betrogen! Mir hat The Disaster Artist mehr angeboten als The Room selbst. Die Tragödie des Tommy Wiseau ist hier deutlicher ausgearbeitet und ich habe ein Faible für den amerikanischen Traum als Thema. Die Rekonstruktion ganzer Sequenzen ist beeindruckend und im Gegensatz zum Original ist The Disaster Artist eine sehr witzige Komödie und ein guter Film. Natürlich auf Kosten Wiseaus, aber auch der dürfte sich über seinen zweiten Frühling freuen.

11. Zama
Don Diego de Zama, ein erfolgreicher Eroberer für die spanische Krone. Oder doch ein impotenter alter Mann, den niemand mehr ernst nimmt und der in der Provinz Südamerikas langsam zerbricht. Zama ein sehr tiefgründiger Film und die Tongestaltung ist brillant. Regisseurin Lucrecia Martel ist hier in mehrfacher Hinsicht ein erstaunliches Werk gelungen. Bildschöne Landschaftsaufnahmen, die verstörende Tongestaltung, der voyeuristische Blick seiner Hauptfigur und das Lama. Don Diegos hoffnungslose Jagd nach einem Phantom verwandelt sich in einen surrealistischen Albtraum.

12. Der Hauptmann
Ob Bauer, Wirt, Bürgermeister, Justizbeamter, Ehefrau eines SA-Manns oder einfacher Soldat – es fällt schwer, in Robert Schwentkes Film über das Ende des Deutschen Reiches einen Unschuldigen zu finden. Das Märchen vom guten Nazi wird hier entlarvt, jeder ist Mittäter. In beeindruckenden Schwarz-Weiß-Bildern zeigt Darsteller Max Hubacher, was für eine gute Zeit man im April ’45 haben konnte, wenn man sich von jeglicher Moral befreit hatte. Seine Dreistigkeit sorgt zum Teil für Lacher, aber schon der nächste Mord verhindert, dass das ganze ins Lächerliche kippt.

13. Climax
Ihr müsst tanzen, tanzen, tanzen. Gaspar Noés Party ist vor allem wegen der fantastischen Kameraarbeit ein einziger Rausch. Die Drogen sind nur das Zündholz für den Verfall einer Gesellschaft. Selten passten die Worte Erlebnis und Ekstase so gut zu einem Film. Und dann gibt es auch noch Sofia Boutella. Climax ist ein lebensbejahender Tanzfilm für die ganze Familie.

14. First Reformed

„Kann Gott uns vergeben?“ fragt Paul Schrader in seinem beengten, durchkadrierten Drama über den Untergang der Welt. Vielleicht ist es Zufall, dass der 71 Jährige mit diesem Film zurück zur alten Stärke gefunden hat. Auf jeden Fall kommt ihm die aktuelle Situation auch etwas entgegen. Ethan Hawke zeigt eine fesselnde Performance in der Rolle des Reverend. Fans von Taxi Driver erfreuen sich an der Jacke und der Impotenz der Hauptfigur. Alle anderen stürzen eventuell in eine tiefe Depression angesichts dieser Hoffnungslosigkeit.

15. Widows – Tödliche Witwen
Wer sich von der intensiven Eröffnungssequenz erholt, der darf Viola Davis bewundern und die Zärtlichkeit, mit der Steve McQueen sie hier zeigt. Es sind nicht nur die intimen Close-ups, die ihren Verlust fast greifbar machen. Widows erzählt viele Geschichten gleichzeitig, aber die Übergänge sind fließend. Im Süden von Chicago geht es nicht nur um politische Macht. McQueen erzählt hier so viel über Klassenkampf, Rassismus und bestehende Institutionen. Es ist ein moderner amerikanischer Thriller mit einem beeindruckenden Ensemblecast.

(Anmerkung: Die Filme Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, A Beautiful Day und The Florida Project befanden sich bereits im letzten Jahr in Svens Rückblick.)

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