Auswärtsfahrt #36

Drei Filme vom Zurich Film Festival 2019. Politik, Macht und Familie.

The Report (2019)
In Unthinkable droht Samuel Jacksons Figur den Verdächtigen mit der Tötung ihrer Kinder. Es ist eines dieser Szenarien, in denen der Held das Heimatland gegen böse, unbekannte Kräfte schützen müssen. Die Gewaltfantasie eines Jack Bauer wird hier bis zum Ende gedacht – der Zweck heiligt jedes Mittel. Die Medien spielen in Scott Z. Burns‘ Film eine Rolle, Unterhaltungshelden wie eben jener Jack Bauer werden explizit beim Namen genant und in eine lange Reihe von Mittätern gestellt.

Burns selbst hat als Drehbuchautor mit Werken wie The Bourne Ultimatum und The Informant! schon die ein oder andere Erfahrung mit den amerikanischen Geheimdiensten gemacht. Man merkt The Report an, wo sein Regisseur herkommt. Es ist ein dialoglastiger Film, bei dem die Kamera viel Zeit mit der unterstützenden Abbildung der Ereignisse verbringt. Burns erzählt die Geschichte seiner Hauptfigur sehr konsequent. Ohne grosses Spektakel, aber nie langweilig. Trotz aller Fakten verwandelt sich das Drama nicht in einen Dokumentarfilm. Das liegt zum einen an dem Umgang mit dem Thema Folter und zum anderen an den Schauspielern.
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Herzdame (2019)
„Ihm ab, den Kopf“, ruft die Herzkönigin in Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Diese Geschichte wird den beiden Töchtern in Herzdame mehrmals vorgelesen. Mama Anne ist da die wesentlich wohlwollende Regentin. Sie herrscht und teilt über ihre Familie und ihre Kanzlei. In einigen Situationen würde sie das königliche Recht aber wohl nicht ablehnen. May el-Toukhys Familiedrama ist eines voller Andeutungen. Beziehungen wie die von Annes Mutter oder ihres Geschäftspartners werden in Nebensätzen abgehandelt, die Vergangenheit bleibt vage. Die Ehe zwischen Anne und Peter könnte alles sein, vom perfekten Familienglück bis hin zu dessen vollendeten Trugbild.

Trine Dyrholm erinnert in der Hauptrolle stark an Robin Wright aus House of Cards. „Macht ist Macht“, heisst es dort und mit genau diesem Verständnis tritt Dyrholms Anne in jeder Szene auf. Dass sie sich nicht an alle Regeln hält und stets ihren Vorteil sucht, wird früh klar. Im Sommer, den sie mit Stiefsohn Gustav verbringt, wendet sie sich etwas mehr der Familie zu, geniesst ihre Freizeit und lässt sich von Gustavs Jugend anstecken. An ihrem Charakter ändert das aber nichts, doch sie erlangt ein neues Selbstverständnis das sie lustvoll demonstriert. Es ist eine der besten Szenen des Films, in der Anne allein zu einem Popklassiker aus den Achtzigerjahren tanzt.
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The Farewell (2019)
Regisseurin Lulu Wang zeigte sich überrascht davon, dass ihr Film in den USA von einem breiten Publikum so gut aufgenommen wurde. Dabei ist ihre persönliche Geschichte über eine chinesische Auswandererfamilie so universell wie das Medium Film selbst. Am Ende ist es die Beziehung zwischen einer Grossmutter und ihrer Enkelin, mit der sich fast jeder identifizieren kann.

The Farewell ist ein amerikanischer Sundance-Film in all seiner Konsequenz. Die Sprache mag eine andere sein und der Schauplatz zum Grossteil in China liegen, aber Wangs Film passt perfekt zum amerikanischen Filmfestival in Utah. Es sind einfachste filmische Mittel, mit denen hier das Konzept der Familie erforscht wird. Jede Figur hat ihre kleine Macke und Gefühle werden schnell herausgesprochen. Der Schwerpunkt liegt auf den Dialogen, und wenn die einen noch nicht komplett emotional mitreissen, dann hilft die Musik ganz bestimmt nach. Es gibt diese grossen Momente, bei denen man im Kinosaal ein lautes Schluchzen hinter sich vernehmen kann – falls man es nicht selbst von sich gibt.
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