Auswärtsfahrt #44

Filmfestivals finden zurzeit nur noch digital statt. Neue Filme gibt es natürlich trotzdem. Über die Liebe im Sommer, den Weltraum und verwegene Pläne.

Lovecut (2020)
Keine Schule, keine Eltern und die Freiheit eines ganzen Sommers: Die Regisseurinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha zeichnen ein Porträt von der Jugend in Österreichs Hauptstadt. Die sechs Teenager mögen sich selbst unterschiedlich sehen, für den Zuschauer gleichen sich die Auszüge aus ihren Leben aber an. In dem Wunsch nach Anerkennung in Form von Liebe und nach Selbstbestimmung ohne elterliche Bevormundung konzentrieren sich alle Probleme der Jugendlichen.

Lovecut hat viele Sexszenen ohne den eigentlichen Akt zu zeigen. Küsse werden ausgetauscht, Kleidungsstücke ausgezogen und dann folgt der Schnitt. Die Handykamera läuft die ganze Zeit mit, egal ob bei einer Party oder im Bett. Aber die persönlichen Aufnahmen der Akteure bleiben dem Zuschauer verborgen. Sie sind den Social-Media-Plattformen vorenthalten, den Instagrams dieser Welt und im Fall von Anna und Jakob den kostenpflichtigen Erotikseiten.
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Wake Up on Mars (2020)
Es ist mehr ein Warten auf den Frühling als auf den Prinzen, der den Fluch des ewigen Schlafes bricht. Für die Familie Demiri ist der Frühling ein Stück Plastik. Ein Dokument, das ihnen erlaubt, in einem Land leben zu können, in dem ihr Leben nicht bedroht ist. In dem sie nicht für ihre blosse Existenz verfolgt wird.

Die Regisseurin Dea Gjinovci ist eine exzellente Beobachterin. Im Familienalltag wird die Kamera quasi unsichtbar und doch zur Vertrauensperson für die Demiris. Gjinovici interessiert sich vor allem für die Träume und Hoffnungen der kosovarischen Familie. Nur in wenigen Szenen wird über die Ereignisse im Kosovo gesprochen. In anderen Momenten bahnt sich die Sehnsucht nach der Heimat von allein ihre Bahnen. Ein Pflaumenbaum mit reifen Früchten am Strassenrand versetzt die Familie plötzlich wieder nach Hause. Insgesamt ist es ein durchweg positiver Blick, der auf die Protagonisten geworfen wird.
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Nova Lituania (2019)
Auf den ersten Blick scheint der Plan eines neuen Litauens verrückt zu sein, ebenso auf den zweiten Blick. Doch Regisseur Karolis Kaupinis nimmt dieses Fünkchen Wahrheit hinter der Kolonisierungsidee und nutzt es für sein seriöses Historiendrama. Den genauen Ausgang der Ereignisse muss man sich aus den Geschichtsbüchern holen. Vielmehr geht es in Nova Lituania um die Stimmung eines Landes. Um diesen einen Punkt in der Geschichte, der stellvertretend für so viele andere steht.

Vieles spielt sich in den Räumen alter Gebäude ab. Männer, die älter aussehen als sie sind, debattieren über die Zukunft ihres Landes. Dabei können sie nicht einmal planen, was in sechs Monaten sein wird. Die Jugend wird aufgerufen zum Patriotismus für ein Land, das seine Hauptstadt verloren hat. Selbst an der Ostsee geht es dem Film wortwörtlich um den Verlust von Land, obwohl Grenzen in Europa immer fliessend waren. Die Hafenstadt Klaipėda beweisst es mit ihrer turbulenten Geschichte. Die Angst der Figuren und der Litauer ist aber der Verlust der eigenen Identität, dass mit der Aufgabe von Land auch der kulturelle Schwund einsetzt. Bis nichts mehr übrig ist und man in einer anderen Nation verschwindet.
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