Auswärtsfahrt #32

Das eindrückliche Nachtleben von Taipeh und ein Familiendrama über Demenz.

Closing Time (2018)
Immer wieder sehen wir die Dämmerung, doch es dauert lange, bis sich Closing Time tatsächlich von der Nacht befreien kann. Die Neonröhren hüllen Taipeh in ein fahles Licht, es wirkt wie eine andere Welt, in die uns Regisseurin Nicole Vögele hier entführt.

Ihre Hauptfiguren sind die einfachen Arbeiter, die die Stadt am Laufen halten. In kleinen Hinterzimmern zählen sie ihr Geld, schälen Gemüse und warten auf den Tag. Es ist eine eigene kleine Gemeinschaft, die sich an der Strasse angesiedelt hat. Man kennt sich, hilft sich aus und erzieht sich gegenseitig, wenn nötig. Die Arbeit wird als ein hohes Gut eingeschätzt, aber den Menschen hier bleibt gar keine Alternative, bei einem Lohn, der keine zwei freien Tage erlaubt.
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What They Had (2018)
Die Erinnerungen kehren zurück, vielleicht zum letzten Mal. Ruths Leben zieht sich in Form von alten Heimvideos und Fotos durch den Film. Immer wieder erzählt sie aus ihrer Kindheit, von ihren Eltern und dass sie einen Freund hat. Bertie nimmt es mit einem Lächeln und erklärt ihr wenn nötig auch zum zehnten Mal, dass er ihr Ehemann sei. Es ist nicht nur seine grosse Rede für persönliche Pflege, die er seinen Kindern hält. Es sind auch die kleinen und alltäglichen Dinge, die er für seine Ruth tut. Die Beziehung der beiden ist so gross, dass selbst Bitty neidisch wird. Robert Forster spielt das Familienoberhaupt nicht sturköpfig, sondern mit viel Leidenschaft und Überzeugung.
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Auswärtsfahrt #31

Eine Debatte über den Wert von Kunst und eine Schweizer Milieustudie über eine schrecklich nette Familie. 

The Price of Everything (2018)
58 Millionen Dollar – so viel ist ein aufblasbarer Hund wert. Die zeitgenössische Kunst von Jeff Koons allein zeigt die Ausmasse des heutigen Kunstmarkts. Auktionshäuser rund um den Globus beschränken sich nicht nur auf den Verkauf von Kunst, sie erschaffen zum Teil selbst einen neuen Markt. Mehr Sammler bedeutet mehr Geld, und mehr Geld bedeutet mehr Künstler. Die Akteure des Kunsthandels präsentieren sich in Nathaniel Kahns (My Architect) Dokumentation äusserst selbstbewusst. Denn ohne sie würde es schliesslich viele Künstler gar nicht geben.

Wenn die Kamera nicht gerade als Plattform für die zahlreichen Interviewpartner fungiert, dann ist sie die stille Beobachterin. Sie zeigt Handwerk und Handel mit ihren Hintergrundgeräuschen. Nahaufnahmen und langsame Zooms versuchen die Kunstwerke möglichst akkurat darzustellen. Es bleibt natürlich bei einem zweidimensionalen Erlebnis. Aber man bekommt ein Verständnis dafür, wie gross diese Industrie geworden ist, wie unterschiedlich ihre Künstler arbeiten und wie vielfältig die gehandelte Kunst ist.
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Family Practice – Sohn meines Vaters (2018)
„Agnes, jetzt kein Drama!“, tönt es aus dem Mund von Doktor Kaufmann. Dabei wäre das ganz grosse Drama in seiner Familie durchaus angebracht. Während man schnell versteht, warum Simon seine Eltern meidet, ist es weniger offensichtlich, warum Agnes bei ihrem untreuen Gigolo von Ehemann bleibt. Der Psychiater hat als Patriarch der Familie wirklich alles unter Kontrolle.

Dass Simon sein Medizinstudium abgebrochen hat und lieber Karikaturen von Tieren zeichnet, haben seine Eltern immer noch nicht überwunden. Kritik an ihrem Sohn wird mit mitleidigem Lob bestätigt, es sei schliesslich eine ganze andere Generation heutzutage. Neben den offensichtlichen Konfliktlinien bleibt Simons Beziehung zu seinem Vater lange Zeit unterschwellig. Seine möglichen psychischen Probleme werden nur angedeutet, bis sich sein Vaterkomplex später im vollen Masse präsentiert. Im Konkurrenzkampf mit seinem Erzeuger mangelt es Simon aber nicht nur am beruflichen Erfolg, sondern auch am natürlichen Charme. Er missversteht die gesellschaftliche Rolle seines Vaters und stürzt sich im familiären Zweikampf selbst ins Unglück. Seine Beziehung zur Sekretärin Sonja ist besonders aus psychologischer Sicht interessant. Der Zorn auf Karl verbindet die beiden auf eine bizarre Weise.
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Quadrataugenrundenpodcast Folge 52

Noch mehr als Musicals mit Hugh Jackman mögen wir Bären und Marmeladensandwiches. Deshalb sprechen wir nicht nur über Weltenretter Paddington, sondern auch über andere Lieblinge der pelzigen Höhlenbewohner. Mit Alex Garlands neuem Film Auslöschung müssen wir natürlich auch wieder über den Vertrieb und das Kino reden. Das Thema Erinnerungen rückt aber auch mit einer Charlie Kaufman Geschichte in den Vordergrund.
Die Berichte über unseren Tod waren zwar stark übertrieben, allerdings wurde diese Folge bereits im April 2018 aufgenommen.

Zeitangaben
0:00:00 – Intro & Begrüßung
0:00:55 – Zuletzt gesehen (Paddington 2 / Greatest Showman / Game Over, Man! / Feinde – Hostiles)
0:26:36 – Die großen Fünf (Bären)
0:31:35 – Auslöschung (2018)
0:46:36 – Vergiss mein nicht! (2004)
0:59:57 – Demnächst im Kino & Verabschiedung

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Auswärtsfahrt #30

Christian Bale führt eine Kostümparty im Weißen Haus an und Clint Eastwood fährt mit seinem alten Truck durch Amerika.

Vice – Der zweite Mann (2018)
Bis vor ein paar Jahren war Adam McKay noch bekannt für seine irrwitzigen Komödien mit Will Ferrell in der Hauptrolle (Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy). Doch dann kam der politische The Big Short, der uns die Weltwirtschaftskrise humorvoll erklärte und McKay einen Oscar für das Drehbuch bescherte. Mit seinem neuen Film Vice wächst der Anspruch. Die Biografie über einen der fragwürdigsten Politiker der jüngeren amerikanischen Geschichte will gleich ganze Jahrzehnte der Politik kritisch und unterhaltsam aufbereiten.

Christian Bale ist das Highlight des Films. Der walisische Oscarpreisträger hat, wie so oft in seiner Karriere, für die Rolle rund zwanzig Kilo zugenommen. Dazu kommen noch Make-up und Gesichtsprothesen, die besonders beim alten Cheney für eine erstaunliche Verwandlung sorgen. Es ist die ganze Mimik, die Betonung und die Pausen beim Sprechen, die Bale hier auf eine beeindruckende Weise imitiert und überspitzt. Dazu kommt, dass Cheney die nuancierteste Figur im Drehbuch ist. Der Mann ohne Herz, der sich über die Verfassung stellt, wird privat zum liebenden Familienvater. Indem der Film ihn als Menschen darstellt, bittet er zugleich um Verständnis für ihn.
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The Mule (2018)
Mit 87 Jahren zeigt sich Regisseur Clint Eastwood noch einmal als Schauspieler – es ist erst sein zweiter Einsatz vor der Kamera seit seinem preisgekrönten Werk Gran Torino. Und Eastwood inszeniert sich hier äusserst selbstbewusst. Auch im hohen Alter ist seine Figur Earl ein Experte auf fast allen Ebenen. Der ehemals erfolgreiche Blumenzüchter hat in jeder Situation die Kontrolle und sucht mit seiner charmanten Art die Anerkennung seiner Mitmenschen. Nur eines kann Earl nicht verstehen, nämlich warum es plötzlich in seinem Amerika nicht mehr für ihn läuft. Zum Glück schiebt er vieles davon auf die Digitalisierung. Das Internet und Smartphones sind Earls grösste Feinde. Auf die wirkliche Ursache des Problems kommt er nicht, aber man sieht im Film an allen Ecken und Enden, dass hier etwas aus den Fugen geraten ist. Amerika funktioniert nicht mehr.
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Auswärtsfahrt #29

Um das Filmjahr 2018 zu rekapitulieren, war Sven erneut zu Gast im sehr populären Longtake Podcast. Zusammen mit den beiden Ensemblemitlgieder Lucas (@Kinomensch) und Johannes (@joukoda), sowie Judith (@JudithAnyways), hat er dort über seine liebsten zehn Filme und andere Höhepunkte des vergangenen Kinojahres gesprochen.

iTunes
Longtake.de

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Filmjahr 2019 – Vorschau – Top 10

Dank Martin Scorsese wird Netflix spätestens in diesem Jahr die Weltherrschaft übernehmen. Vorher heißt es aber noch Daumen drücken für Thanos, der erst die Hälfte seiner Arbeit erledigt hat. Und wie im letzten Jahr fragen wir uns, wer sich traut, einen Film von Woody Allen zu veröffentlichen.

Wie jedes Jahr findet ihr in unserer Vorschau zehn Kinofilme, die wir uns auf jeden Fall ansehen werden.

Worauf freut ihr euch am meisten?

Svens Top 10

Ad Astra – Zu den Sternen
James Gray macht Filme aus einer anderen Zeit. Umso spannender ist es, dass der jetzt einen Science-Fiction-Film geschrieben und gedreht hat. Brad Pitt macht sich in der Hauptrolle auf die Suche nach seinem verschollenen Vater. Das Ziel ist der blaue Planet am Rande unseres Sonnensystems – Neptun.

Her Smell
Elisabeth Moss ist ein Rockstar. Das hat richtigerweise auch Indieliebling Alex Ross Perry erkannt. Als destruktive Punkerin Becky Something spielt Moss die Hauptrolle und ich würde mir sofort jeden Film von einem der beiden ansehen und warum hat Her Smell noch keinen Kinostart, hallo?!

Beale Street (If Beale Street Could Talk)
Barry Jenkins verfilmt einen Roman von James Baldwin. Von der Liebesgeschichte im Harlem der 70er-Jahre erhoffe ich mir dieselbe Zärtlichkeit, mit der Jenkins schon Moonlight inszeniert hat. Eventuell schaffe ich es vorher auch noch, Baldwins Buch zu lesen.

Prisoners of the Ghostland
Der japanische Provokateur Sion Sono arbeitet erstmals mit dem großen Charakterdarsteller unser Zeit, Nicolas Cage, zusammen. Cage versprach schon den wildesten Film, den er je gemacht hat. Und mit übersinnlichen Flüchen hat er ja schon jede Menge Erfahrung.

Beach Bum
Matthew McConaughey ist „The Beach Bum“! Oder vielleicht auch nicht. Das werde ich herausfinden, wenn ich endlich den neuen Film von Harmony Korine sehen kann. Insgeheim hoffe ich natürlich auf eine weitere Hommage an Miss Britney Spears.

The Irishman
Martin Scorsese ist mein Lieblingsregisseur. Ob das wirklich stimmt, sei mal dahingestellt, aber Robert De Niro ist mein Lieblingsschauspieler. Der Gangsterfilm über Frank Sheeran wird hoffentlich gut, aber noch mehr hoffe ich bei dieser Netflixproduktion auf einen Kinostart. Sonst müsste ich mich eventuell an die Mafia wenden. Oder an Joe Pesci aus Goodfellas.

The Lighthouse
„What dost thou want?“
Am liebsten einen neuen Film von Robert Eggers natürlich! Es sollte schon wieder ein historisches Setting haben und einem Angst machen. Ein Leuchtturm wäre auch nicht schlecht. Und können bitte Willem Dafoe und Robert Pattinson mitspielen?

Uncut Gems
Die Safdie-Brüder sind das Heißeste was der amerikanische Film derzeit zu bieten. Umso schöner ist es, dass sie für ihren kommenden Kriminalfilm Adam Sandler besetzt haben. Denn wenn Sandler nicht gerade auf Kosten eines großen Streaminganbieters Urlaub macht, dann ist er einer der meistunterschätzten Schauspieler der Welt. Ein ungeschliffener Edelstein sozusagen.

Vox Lux
Mein Rockstar Nummer 2: Natalie Portman. Celeste überlebt erst eine Katastrophe und wird später zum Popstar. Überlebensgroß und mit einer absurden Frisur. Dazu laufen die eigens für den Film geschriebenen Songs von Sia. Girl I’m watching you!

Where’d You Go, Bernadette
Ich habe nach (oder trotz) Boyhood ein Faible für Richard Linklater entwickelt. Außerdem möchte ich unbedingt wissen, wo Bernadette denn nun hingegangen ist. Cate Blanchett spielt übrigens die Titelrolle (Bernadette).

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Auswärtsfahrt #28

Saoirse Ronan und Margot Robbie im Kampf um die englische Krone und ein Jahresrückblick, bei dem Sven noch einmal über Lady Bird und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri schreiben durfte.

Maria Stuart, Königin von Schottland (2018)
Maria Stuart, Königin von Schottland beginnt und endet mit dem Tod seiner Hauptfigur. In einem roten Kleid vor einem Richtblock spricht Mary Stuart im Jahre 1587 ihre letzten Gebete. In einer cleveren Parallelmontage sehen wir beide Königinnen von hinten, beide scheinen bereit für Marys Tod. Aber natürlich unterscheidet sich das Ende vom Anfang des Films. Und was die britische Theaterregisseurin Josie Rourke in ihrem Kinodebüt über die schottische Königin aus dem Hause Stuart erzählen will, passiert sowieso dazwischen.

Charakterdarstellerin Saoirse Ronan spielt die junge Regentin mit viel Mut und Durchsetzungsvermögen. Stolz gegenüber den Lords und gütig gegenüber ihren Soldaten. Nicht nur wegen ihrer Jugend ist sie das Gegenteil von Elizabeth. Margot Robbie ist als kinderlose Überkönigin fast nicht wiederzuerkennen. Eine falsche Nase, viel Make-up und im späteren Verlauf noch ein entstelltes Gesicht. Und doch funkeln ihre blauen Augen unter der Maske und die Zweifel weichen am Ende Elizabeth‘ Durchsetzungsfähigkeit, die sie so lange auf dem Thron gehalten hat.
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And the winner is… – Die Top-11 Filme 2018 der OutNow-Redaktion
Wir haben wieder redaktionsweit den sprichwörtlichen Hut rumgereicht, in den jeder und jede die ganz persönlichen Favoriten des Kinojahres 2018 einwerfen konnte. Und damit die Liste nicht mit Festivaldarlings zugemüllt wird, die hierzulande noch kein Säuli hat sehen können, waren wie schon letztes Jahr nur solche Filme wählbar, die 2018 einen Kinostart in der Schweiz hatten. Drum war etwa ein Netflix-Film wie Roma erlaubt, während Oscarkandidaten wie Green Book oder If Beale Street Could Talk erst 2019 Chancen auf den OutNow-Jahresthron haben.
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Filmjahr 2018 – Rückblick – Top 5

Wer ein schlechtes Kinojahr hatte, der hat nur die falschen Filme gesehen. Nie war diese Aussage wahrer als 2018. Während sich die Anzahl der Superhelden fast halbiert hat, gab es aus dem Rest der Welt so viele gute Filme, dass die Amerikaner ganz schön schlecht aussehen bei ihren Award Shows. Die einseitigen Einspielergebisse zugunsten der Walt Disney Company repräsentieren nicht die Vielfalt des Kinos.

Anders als in den letzten Jahren gibt es leider nur noch eine persönliche Top 5. Da Filme nicht überall zeitgleich erscheinen, orientieren wir uns für den Rückblick zeitlich an den deutschen Kinostarts, wollen Festivalbesuche aber nicht ausschließen.

Was waren eure Highlights? Schreibt es uns in den Kommentaren oder schickt uns eine Postkarte.

Svens Top 5

1. Der seidene Faden
„Reynolds has made my dreams come true. And I have given him what he desires most in return.“
Nicht nur mein Film des Jahres, sondern auch einer der eindrucksvollsten Kinoerfahrungen. Paul Thomas Anderson ist für mich derzeit der interessanteste amerikanische Regisseur. Seit seinem Meisterwerk The Master hat er einen faszinierenden Reifeprozess durchlaufen. Der seidene Faden hat mit Daniel Day-Lewis den besten Schauspieler der Welt und mit Vicky Krieps einen überraschend starken Gegenpart. Dass es einer der schönsten Filme des Jahres ist, liegt nicht nur an den Kostümen, die selbst aus dem Hause Woodcock stammen könnten. Besonders die Nahaufnahmen sind zum Dahinschmelzen, aber die gesamte Kameraarbeit von Anderson ist herausragend. Der orchestrale Score von Jonny Greenwood steht dieser in nichts nach. Inhaltlich bekommt man viel mehr als die klassische Beziehung vom schwierigen Künstler und seiner Muse. Es ist ein großer Liebesfilm bei dem die Art der Liebe sich nicht immer sofort offenbart.

2. Roma
Alfonso Cuaróns Liebeserklärung an seine Heimat ist auch ein Film über seine Jugend. Aber es nicht seine Geschichte, die er hier in Mexiko-Stadt erzählt. In einer wohlhabenden Familie sieht Cleo, was sie nicht haben darf. Ein Kindermädchen kümmert sich um die Familie von anderen Leuten. Und Cuarón belässt seine Hauptfigur in ihrer sozialen Klasse.
Roma ist ein Film für das Kino. Auf der Leinwand tummeln sich unzählige Gestalten, alles ist immer in Bewegung – und sei es nur das Wischwasser im Hausflur. Das Sounddesign in Kombination mit Dolby Atmos hat bei mir für eine Immersion gesorgt, wie ich sie so noch nicht erlebt habe. Die Kameraarbeit von Cuarón, jede Einstellung ist ein kleines Meisterwerk. Schon vor der ikonischen Fahrt ans Meer war ich emotional aufgelöst. Es ist auch das zurückhaltende Schauspiel von Yalitza Aparicio, dass Cleos gütiges Auftreten so glaubhaft macht. Als der Abspann im Kino zu Ende war, hätte ich Roma am liebsten gleich noch einmal gesehen.

3. Mission: Impossible – Fallout
Seine Regierung mag Ethan Hunt noch so oft verraten, die Welt und den Kinozuschauer lässt er nie im Stich. Tom Cruise ist nur Tom Cruise, weil es kein anderer macht, hieß es diesen Sommer. Und das stimmt auch, die Welt braucht Ethan Hunt und das Kino braucht Tom Cruise. Denn für Hollywoods letzten großen Star scheint nichts unmöglich. Christopher McQuarries Werk ist der Actionfilm des Jahres und das Highlight einer Reihe, der es trotz seines Stars bisher an Konstanz mangelte. Ein perfekter Sturm, der bei vielen Blockbustern immer unwahrscheinlich zu sein scheint. Die Kameraarbeit von Rob Hardy, die Musik von Lorne Balfe und das Schauspiel von Cruise verdienen mehr Wertschätzung.

4. Shoplifters – Familienbande
Was ist, wenn man sich seine Familie aussuchen könnte?
Hirokazu Kore-edas Film über eine Bande von Ladendieben und Betrügern erzählt nicht nur etwas über Armut in Japan und über eine Gesellschaft der Abgehängten, es ist ein tief humanistisches Werk. Verständnis für die Probleme der anderen, Zuneigung gegen den Verlust und Liebe gegen die Einsamkeit. Die Shibatas sind eine echte Familie und Shoplifters ein herzzerreißender, wunderschöner Film. Und Schauspielerin Sakura Andô zeigt hier eine der besten Performances des Jahres.

5. Lady Bird
Obwohl ich ein Faible für das Coming-of-Age-Genre habe und Fan von Greta Gerwig und Noah Baumbach bin, war Lady Bird längst kein Selbstläufer.
Der Film beschränkt sich nicht nur darauf, das letzte Schuljahr nachzuerzählen. Die gesamte Jugend wird hier zu einer Collage. Wichtige Momente nehmen nur Sekunden ein und verschwinden dann im nächsten Augenblick. Die Entwicklung von Christine wird gezeigt und nicht erklärt. Saoirse Ronan liefert in der Titelrolle vielleicht ihre bisherige Karrierebestleistung ab, überhaupt hat der Film einen fantastischen Cast. Das stärkste Element ist aber für mich das Drehbuch von Greta Gerwig. Hier ist nichts improvisiert, nichts wirkt aufgesetzt. Nicht nur wegen Justin Timberlake erwacht das Jahr 2002 hier wieder zum Leben. Lady Bird ist ein unglaubliches Regiedebüt und eine Bereicherung für das Genre.

(Anmerkung: Die Filme Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, A Beautiful Day und The Florida Project befanden sich bereits im letzten Jahr in Svens Rückblick.)

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Filmjahr 2018 – Rückblick – Svens Top 15

Ein Mitglied der Quadrataugenrunde guckt ein paar mehr Filme als das andere und ist am Ende des Jahres nicht genug ausgelastet. Bevor wir also zu unseren persönlichen Top 5 des Filmjahres kommen, nennt Sven noch zehn weitere Filme, die ihm besonders am Herzen liegen. Zwar orientieren wir uns für den Rückblick zeitlich sonst an den deutschen Kinostarts, wollen Festivalbesuche aber nicht ausschließen.

Svens Top 15

6. Transit
Christian Petzolds Drama über Flucht hat mich schon in der ersten Hälfte so stark mitgenommen, dass ich mit Tränen in den Augen im Kino saß. Ich hatte zwischendurch schon wieder vergessen, dass der Film heute spielt und nicht im Jahr 1941. Es ist eine eigenständige Adaption, die eine zeitlose Geschichte erzählt. Franz Rogowski spielt hier die perfekte Romanfigur. Auf der Flucht wechselt er seine Identität so häufig wie seine Kleidung. Und trotz alle der Verluste, inklusive der eigenen Identität, trotz des Desinteresses für andere Schicksale, bleibt er verletzlich. Jede Szene erzählt hier etwas über Menschlichkeit. Marseille als Transitstation erinnert wirklich an das Fegefeuer, ein andauernder Zustand des Ungewissen.

7. Die Verlegerin
Schwere Maschinen rattern und Menschen in Overalls beladen Trucks, bevor diese in die Schlacht brausen. Es ist nicht die erste Kriegsszene im Film, aber sie verdeutlicht, was hier auf dem Spiel steht. Der eigentliche Skandal, um den sich der Film dreht, war gar nicht so bedeutend. Aber Spielberg geht es bei seiner Dramatisierung der Geschichte nicht nur um die Vergangenheit, ständig werden Brücken ins Hier und Jetzt gebaut. Angeführt von einem Tom Hanks in Bestform sehen wir einen hervorragenden Ensemblecast, die Kamera tanzt auf kleinstem Raum um die Protagonisten herum und Steven Spielberg gilt endgültig als ein Verteidiger der amerikanischen Verfassung.

8. Girl
Ein Tanzfilm über eine ambitionierte Ballerina, ein Familiendrama ohne Mutter, ein Coming-of-Age-Film über Identität – Lukas Dhonts Film ist vieles, vor allem aber ist er empathisch. Das Zusammenspiel von Kamera und Jugenddarsteller Victor Polster ist erstaunlich. Ständig sucht die fünfzehnjährige Lara ihre Umgebung ab, abwartend die Reaktionen ihrer Mitmenschen, schüchtern ihr eigenes Spiegelbild. Immer in der Hoffnung, ihrer eigenen Vorstellung von sich näherzukommen. Girl ist ein tief voyeuristischer Film, der mit seinem unendlichen Verständnis für Laras Situation eine wünschenswerte Normalität erzeugt.

9. The Rider
Der Western, das große amerikanische Genre ist wieder da!
Regisseurin Chloé Zhao weiß, wann man die großen Einstellungen einsetzt. Ihr Film über einen modernen Cowboy im Herzen der USA ist warmherzig, gefühlvoll und brillant gefilmt. Die Armut seiner Figuren wird nicht wertend dargestellt. Haupt- und Laiendarsteller Brady Jandreau ist ein faszinierender All American Boy und nicht nur erste Ausritt auf Apollo ist wunderschön.

10. The Disaster Artist
„Los Angeles, everybody want to be star. All the pretty boys. They’re lining up for the big shot.“
James Franco ist mindestens auf demselben Niveau wie Gary Oldman und wurde ganz einfach um seinen Oscar betrogen! Mir hat The Disaster Artist mehr angeboten als The Room selbst. Die Tragödie des Tommy Wiseau ist hier deutlicher ausgearbeitet und ich habe ein Faible für den amerikanischen Traum als Thema. Die Rekonstruktion ganzer Sequenzen ist beeindruckend und im Gegensatz zum Original ist The Disaster Artist eine sehr witzige Komödie und ein guter Film. Natürlich auf Kosten Wiseaus, aber auch der dürfte sich über seinen zweiten Frühling freuen.

11. Zama
Don Diego de Zama, ein erfolgreicher Eroberer für die spanische Krone. Oder doch ein impotenter alter Mann, den niemand mehr ernst nimmt und der in der Provinz Südamerikas langsam zerbricht. Zama ein sehr tiefgründiger Film und die Tongestaltung ist brillant. Regisseurin Lucrecia Martel ist hier in mehrfacher Hinsicht ein erstaunliches Werk gelungen. Bildschöne Landschaftsaufnahmen, die verstörende Tongestaltung, der voyeuristische Blick seiner Hauptfigur und das Lama. Don Diegos hoffnungslose Jagd nach einem Phantom verwandelt sich in einen surrealistischen Albtraum.

12. Der Hauptmann
Ob Bauer, Wirt, Bürgermeister, Justizbeamter, Ehefrau eines SA-Manns oder einfacher Soldat – es fällt schwer, in Robert Schwentkes Film über das Ende des Deutschen Reiches einen Unschuldigen zu finden. Das Märchen vom guten Nazi wird hier entlarvt, jeder ist Mittäter. In beeindruckenden Schwarz-Weiß-Bildern zeigt Darsteller Max Hubacher, was für eine gute Zeit man im April ’45 haben konnte, wenn man sich von jeglicher Moral befreit hatte. Seine Dreistigkeit sorgt zum Teil für Lacher, aber schon der nächste Mord verhindert, dass das ganze ins Lächerliche kippt.

13. Climax
Ihr müsst tanzen, tanzen, tanzen. Gaspar Noés Party ist vor allem wegen der fantastischen Kameraarbeit ein einziger Rausch. Die Drogen sind nur das Zündholz für den Verfall einer Gesellschaft. Selten passten die Worte Erlebnis und Ekstase so gut zu einem Film. Und dann gibt es auch noch Sofia Boutella. Climax ist ein lebensbejahender Tanzfilm für die ganze Familie.

14. First Reformed

„Kann Gott uns vergeben?“ fragt Paul Schrader in seinem beengten, durchkadrierten Drama über den Untergang der Welt. Vielleicht ist es Zufall, dass der 71 Jährige mit diesem Film zurück zur alten Stärke gefunden hat. Auf jeden Fall kommt ihm die aktuelle Situation auch etwas entgegen. Ethan Hawke zeigt eine fesselnde Performance in der Rolle des Reverend. Fans von Taxi Driver erfreuen sich an der Jacke und der Impotenz der Hauptfigur. Alle anderen stürzen eventuell in eine tiefe Depression angesichts dieser Hoffnungslosigkeit.

15. Widows – Tödliche Witwen
Wer sich von der intensiven Eröffnungssequenz erholt, der darf Viola Davis bewundern und die Zärtlichkeit, mit der Steve McQueen sie hier zeigt. Es sind nicht nur die intimen Close-ups, die ihren Verlust fast greifbar machen. Widows erzählt viele Geschichten gleichzeitig, aber die Übergänge sind fließend. Im Süden von Chicago geht es nicht nur um politische Macht. McQueen erzählt hier so viel über Klassenkampf, Rassismus und bestehende Institutionen. Es ist ein moderner amerikanischer Thriller mit einem beeindruckenden Ensemblecast.

(Anmerkung: Die Filme Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, A Beautiful Day und The Florida Project befanden sich bereits im letzten Jahr in Svens Rückblick.)

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Auswärtsfahrt #27

Wladimir Putins letzte Zeugen, Ethan Hawkes melancholischer Countryheld und eine Frau, die es mit einer ganzen Insel aufnimmt.

Putin’s Witnesses (2018)
Dokumentarfilmer Vitaly Mansky interessiert sich für Familien und ihr Leben in Diktaturen. Seine Chroniken beschränken sich dabei nicht nur auf die ehemalige Sowjetunion. Und so ist es wenig überraschend, dass er seinen Film Putin’s Witnesses mit intimen Aufnahmen seiner eigenen Familie beginnt. Und zwar an jenem Silvesterabend 1999, an dem Boris Jelzin das Amt des Präsidenten aufgab. Viele Zweifel liegen über dem Aufbruch ins neue Jahrtausend. Zweifel, die es mit der Kamera festzuhalten gilt. Denn der Grund, warum Manskys beeindruckende Aufnahmen überhaupt existieren, ist weil er vom Kreml damit beauftragt wurde. Zeitdokument für den einen, Propaganda für den anderen.

Nun könnte man Mansky vorwerfen, er würde nur altes Material neu zusammenschneiden. Und in der Tat besteht Putin’s Witnesses sogar aus bereits verwendeten Aufnahmen. Dazu kommen ein paar ungenutzte Szenen, Putins B-Seite sozusagen. Aber 18 Jahre nach der Machtübernahme des amtierenden russischen Präsidenten sind die Bilder noch viel faszinierender. Eine Szene, in der Putin über seine eigene Zukunft als privater Mensch spricht, fern ab vom Staatsdienst, wirkt heute unvorstellbar und bizarr zugleich.
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Blaze (2018)
Blaze Foley sei nur einmal in seinem Leben verrückt geworden, erzählt der Musiker Townes Van Zandt über seinen Freund, aber er entschied sich, es zu bleiben. Und vielleicht wäre der Poet aus dem Süden glücklicher gewesen, wenn er in seinem Baum im Wald geblieben wäre. Dann hätte er nicht so oft in der echten Welt scheitern müssen. Im Film erzählt Foley, dass er kein Interesse habe, ein Star zu werden, denn nur Legenden sind für die Ewigkeit. Die Regiearbeit von Schauspieler Ethan Hawke trägt einiges zu der Legende vom „Duct Tape Messiah“ bei.

Hawke verzichtet auf die typische Erzählstruktur einer Biografie. Ohne Kindheit und feste Reihenfolge der Ereignisse wird sein Film zu einer Art Bluesception. Im Radiointerview erzählen seine Freunde von Blazes Karriere, der wiederum steht auf der Bühne und nimmt sein letztes Album auf. Mit jedem Song und jeder Geschichte erinnert sich Blaze an sein kurzes und abenteuerliches Leben. Erst in der letzten Stunde löst sich die Erzählstruktur auf. Die Rückblenden sind dann nicht mehr chronologisch und man bekommt sehr viel Handlung und keine Lieder mehr. Auch sein Tod wird unnötigerweise auf zwei Zeitebenen gezeigt.
Vollständige Kritik

Gegen den Strom (2018)
Der isländische Regisseur Benedikt Erlingsson bleibt sich auch mit seinem zweiten Spielfilm nach Von Menschen und Pferden treu und zeigt uns die Natur seiner Heimat in einem Drama mit viel Humor. Nur geht es dieses Mal weder um Männer noch um Pferde.

Jede starke Frau braucht heutzutage einen Bogen, wie uns die Popkultur lehrt. Katniss Everdeen, Lara Croft und Co. haben die edle Waffe längst für sich entdeckt. Und so greift auch die Pazifistin Halla zu Pfeil und Drahtseil, um die Stromleitungen zur Aluminiumfabrik zu kappen. Ihre Vorbilder Gandhi und Mandela sind im Film genauso präsent wie der Klimawandel. In der Not geht die pragmatische Isländerin eben in den gewaltsamen Widerstand. Halldóra Geirharðsdóttir, die die Doppelrolle im Film konsequent ausfüllt, sorgt mit ihrem Schauspiel dafür, dass man schnell Sympathien für die Saboteurin entwickelt. Auch wenn ihre Darstellung in den Medien ausser Kontrolle gerät, so ist die Verteilung von gut und böse hier sehr deutlich. Mutter Natur schlägt hier durch eine Stellvertretung zurück und die Anzugträger an der Macht sind rat- und machtlos.
Vollständige Kritik

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